Strommasten und Windräder in Abenddämmerung
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05.12.2017 187 0 TOP

Stromnetzausbau und Alternativen zur sicheren Stromversorgung in Bayern

Ausbau der Netze allein wird nicht reichen - Die große Angst vor der Versorgungslücke

VDE-Tagung „Stromnetzausbau und Alternativen zur sicheren Stromversorgung in Bayern“ bringt am 15.11.2017 in Nürnberg alle Player an einen Tisch

ein Beitrag von Gabriele König

- Vorträge zum Nachlesen können angefordert werden: vde@th-nuernberg.de -

 

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Ingrid Berger

Licht am Ende der Dunkelflaute?

Jochen Steinbauer, Vorsitzender VDE Nordbayern

| VDE Nordbayern

Wenn nur die Lücke nicht wäre! Gebannt schauen die Energieversorger und ihre Kunden auf das Jahr 2022, wenn die letzten Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen. Strom aus Windkraft aber wird erst 2025 – frühestens – auf neuen Trassen aus den Norden nach Süden fließen. Was tun?

Über den „Stromnetzausbau und Alternativen zur sicheren Stromversorgung“ haben auf Einladung des VDE Nordbayern kürzlich namhafte Experten aus Wirtschaftsministerium, von Universitäten und  Netzbetreibern, der Versorger vor Ort und die Stimme der Zivilgesellschaft diskutiert.

160 Interessierte waren der Einladung in den Marmorsaal des Presseclubs Nürnberg gefolgt, um den öffentlichen Vorträgen zu lauschen. Erstmals hatte der VDE Bezirksverein Nordbayern, organisiert vom Referenten für Vorträge Wilfried Schröter, alle Akteure um einen Tisch versammelt, um Bürger und Politiker zu informieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Sicherheit für Menschen, Umwelt und Wirtschaft ist ein oberstes Ziel des VDE. Und Jochen Steinbauer, der Vorsitzende des VDE Nordbayern versprach: „Wir wollen die Dinge auf den Punkt bringen.“

Die Sicht der Experten

Aufmerksame Zuhörer

| VDE Nordbayern

Denn das Thema ist dringlich. Wie dringlich, skizzierte Dr. Martin Elsberger vom Bayerischen Wirtschaftsministerium, wo er die Task Force Netzausbau Bayern leitet: Wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet werden, müsse Bayern 35 Prozent seines Stroms importieren, um den Bedarf zu decken. Die angenommenen 1,2 Gigawatt müssten jedoch nicht nur lieferbar sein, sondern auch zum gewünschten Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Die Devise der Staatsregierung sei aber „So viel Ausbau wie nötig, so wenig wie möglich“.

Eine Herausforderung, die Erneuerbare Energien nur bedingt erfüllen können. Stichwort Dunkelflaute: Im Winter gibt es wenige Sonnenstunden, der Wind weht nur lau – gerade dann also, wenn in Bayern und Deutschland besonders viel Energie gebraucht wird. Zudem gelten Windkraft und Photovoltaik als hoch volatil, abhängig von Region und Wetterlaunen. Diese schwankenden Leistungen sicher in die Stromnetze zu integrieren wird zunehmend schwieriger, sagt Professor Dr. Matthias Luther, seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Elektrische Energiesysteme an der FAU Erlangen-Nürnberg.  Schlimmer noch als die Integration bei hoher  Auslastung sei für die Netze, wenn in Schwachlastzeiten der Wind stark bläst: An der Küste wird viel Strom erzeugt, anderswo aber wenig nachgefragt. In verschiedenen Projekten des Lehrstuhls wird erforscht, wie die Netze zukünftig optimal ausgelastet werden können und wie die dazu notwendigen Netzstrukturen gestaltet werden müssen. So ließe sich beispielsweise die Auslastung der Netze erhöhen, wenn der Netzbetrieb weiter und schneller automatisiert wird. „Es geht zukünftig nicht mehr darum, die Stromnetze oder den Verkehr für sich anzuschauen sondern wir müssen systemübergreifend denken und handeln.“ Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Professor Luther ist sich sicher. „Wir werden in Zukunft anders leben. Wir werden Strom aus Gebäuden und an Fassaden erzeugen. Der Offshore-Wind wird mit Sicherheit auch eine große Rolle spielen, aber ein viel größeres Potential steckt in der Solarenergie.“

So müssen sich die Übertragungsnetzbetreiber wie TenneT aus Bayreuth schon jetzt auf die ungewisse Zukunft vorbereiten. „Mit der Integration der Erneuerbaren Energien steigt der Übertragungsbedarf, wir brauchen mehr Netzausbau“, sagt Paul-Georg Garmer, der als Senior Manager Public Affairs für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Unbedingt nötig sei der SuedOstLink von Nord nach Süd, den Ostbayernring wird TenneT bis 2023 durch Ersatzneubau ertüchtigen. Bis 2025 – ausgehend von einem Erneuerbaren-Energie-Anteil von etwa 45 Prozent – wären das 7200 Kilometer Leitung nur im Übertragungsnetz, bei weiter steigendem Anteil mehr. „Wir glauben, dass wir uns jetzt Gedanken machen müssen, um 2030 nicht mit Netzausbau antworten zu müssen. Deshalb hat TenneT beispielsweise schon den Netzstresstest initiiert, um zu schauen, was eine automatisierte Systemführung beitragen kann. Aktuell forscht das Unternehmen zusammen mit VW an der Erhebung lokaler Wetterdaten in Echtzeit(in Autos) – um so die Stromeinspeisung besser prognostizieren zu können. Auch die Blockchain, die beispielsweise lokale Batterien in Hausspeichern oder die E-Autoflotte von Tesla vernetzt, wird erprobt. „Wir sehen bis 2030 ein Speicherpotenzial zwischen 15 und 60 Gigawatt“, sagt Paul-Georg Garmer.

Ein Stichwort, das Professor Dr. Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg wie gerufen kommt. In den vergangenen Jahren seien die Themen Verteilung und Speicherung vernachlässigt worden. In Baden-Württemberg etwa baut Max Bögl eine Windkraftanlage, die mit einem Pumpspeicher gekoppelt ist. Am leichtesten freilich ließe sich die Gas-Infrastruktur nutzen, auch wenn Power-to-Gas hohe Umwandlungsverluste habe.Für Nonsens hält Michael Sterner das Argument, dass das Speichern von Strom den Druck für den Ausbau der Netze nehme. „Wir brauchen wirklich alles. Ich bin froh über jeden Meter Leitung, der gebaut wird.“ Dabei plädiert der Professor vehement für den Ausbau der Erneuerbaren Energien – auch in ökonomischer Hinsicht. Er macht den Zuhörer den Mund wässerig: Bayern könnte Selbstversorger in Sachen Energie sein. Windkraft, Photovoltaik, Biogas – damit könne im Freistaat ein Vielfaches des benötigten Stroms erzeugt werden. Technisch sei das kein Problem. „Die Frage ist nur, ob das sozial und gesellschaftlich akzeptiert ist“, bilanziert er. „Strom muss aus den Erneuerbaren Energien kommen, sonst hat das keinen Sinn für den Klimaschutz, und einen Tod muss man sterben.“

Wie sich das anfühlt, hat die N-ERGIE, Nürnberg, mit ihrer Beteiligung am Gaskraftwerk Irsching schon durchlebt, das wenig ausgelastet und damit unrentabel ist. Für die N-Ergie war dies Motivation, den Ausbau der Übertragungsnetze unter die Lupe zu nehmen – nicht mit Technikern, sondern mit Volkswirten. Ergebnis: Der Ausbau kann, bei effizienter(er) Nutzung, deutlich kleiner ausfallen. „Wir sind seitdem die Spaßbremse im Konsens der deutschen Energiewirtschaft“, berichtet Strategiemanager Stefan Lochmüller. Überhaupt, sagt der Ingenieur, lande der meiste Druck aus Erneuerbaren Energien nicht im Übertragungsnetz, sondern gehe zunächst auf die Verteilernetze. Für den geplanten Zubau aus Windkraft und Photovoltaik brauche man „definitiv Speicher“. Die werden aktuell von Privat gebaut – jede zweite PV-anlage wird damit ausgerüstet. Volkswirtschaftlich sei das ineffizient, deshalb, so fordert Stefan Lochmüller, müsse heute die Diskussion über die künftige Richtung geführt und Entscheidungen vorbereitet werden.

Für die notwendige Transparenz und die Information der Öffentlichkeit streitet auch Germanwatch e. V. Die zivilgesellschaftliche Organisation engagiert sich unter anderem in der Energiewende und bei den Netzstrukturen, ihr Vertreter Hendrik Zimmermann steht außer Frage, dass das deutsche Stromnetz auch ohne Energiewende erneuerungsbedürftig ist. Aber sollen die Szenarien über den künftigen Bedarf und Ausbau der Netze wirklich von den Netzbetreibern erstellt werden? Gilt nicht der Betrieb konventioneller Kraftwerke als zu rentabel? Als Stachel im Fleisch von Politik und Gesetzgebern fordert Germanwatch zudem, den Netzentwicklungsplan transparenter zu machen und die Entgeltregulierung zu überprüfen.

Fazit

Dr.-ing. Robert Schmidt, IHK Nürnberg für Mittelfranken

| VDE Nordbayern

Es ist eine Menge Information, die die Referenten in drei Stunden ans aufmerksam lauschende Publikum gebracht haben. In der anschließenden Diskussion hatten die Zuhörer Gelegenheit, ihre Fragen an die Experten zu stellen. Warum dürfen Industriebetriebe ihre Leistung nicht zur Verfügung stellen? Ist die E-Mobilität bei den Zukunftsszenarien schon bedacht? Fehlt nicht ein Masterplan der Regierung für die künftige Ausrichtung der Energieversorgung in Deutschland und Europa?

Dies und weitere, detaillierte Fragen auch zu einzelnen Trassen lenkte Moderator Dr. Robert Schmidt von der IHK Nürnberg für Mittelfranken souverän an die richtigen Partner. In Zusammenfassung: „Bis 2025 soll der Anteil Erneuerbarer Energien in Bayern auf 50 Prozent am Verbrauch und 70 Prozent in der Stromerzeugung steigen“, wirft Dr. Martin Elsberger aus dem Energieministerium in den Ring. „ich denke, das ist nicht unterambitioniert.“ Einen Masterplan wünschen sich die Experten ebenso wie die Honorierung von Bereithaltungskapazitäten. „Wir haben ganz viele Parameter, an denen ständig gedreht wird. Das macht es so schwer mit der Energiewende“, seufzt Professor Luther. Und Stefan Lochmüller von der N-Ergie merkt an, dass die Diskussion „sehr südlich“ sei: „Wir müssen für jede Region Lösungen finden, die passend sind und von der Bevölkerung akzeptiert werden.“

Fazit des Abends? „Wir brauchen den ganzen Zoo an Netzausbau, effizienter Verteilung und Speichertechnik, angefangen von der Erzeugung bis zu den Verbrauchern“, fasst Robert Schmidt zusammen. „Ich glaube, der VDE Nordbayern hat mit seinem Thema den Nerv getroffen zum richtigen Zeitpunkt.“

Vorträge zu: Stromnetzausbau und Alternativen zur sicheren Stromversorgung in Bayern

Interessierte können die Vorträge zur Veranstaltung zur persönlichen Information per Mail anfordern: vde@th-nuernberg.de. Aus urheberrechtlichen Gründen ist eine Veröffentlichung der Präsentationen auf unserer Homepage nicht möglich.

Netzausbau in Bayern – Wo steht er, wie geht es weiter? / Dr.-Ing .Martin Elsberger

Dr. Ing. Martin Elsberger ist stellvertretender Leiter des Referates Energieinfrastruktur und Netze im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Er leitet die Task Force Netzausbau Bayern, die als zentrale Informationsplattform für Kommunalpolitik, Mandatsträger und weitere Interessenten dient. Seine Botschaft: Es geht nicht um Netzausbau oder die Energiewende, sondern um ein sowohl als auch. Speicher tragen zur notwendigen Flexibilität bei, können aber allein Spitzenlasten und Dunkelflauten nicht abdecken. Mit Erneuerbarer Energie allein kann der Bedarf Bayerns nicht gedeckt werden.

Untersuchungen zur zukünftigen Stromversorgung in Bayern / Prof. Dr.-Ing. Matthias Luther

Prof. Dr. Ing. Matthias Luther ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Elektrische Energiesysteme an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er forscht beispielsweise zu elektrischen Netzen oder Speicherintegration. „Wir beschäftigen uns mit Physik und kennen uns mit dem System aus.“ Früher freilich, als Energieerzeugung und Verteilung noch nicht getrennt waren, sei vieles leichter gewesen, sagt Luther, der ab 1993 bei Energieerzeugern gearbeitet hatte und von E.ON in die Wissenschaft wechselte.

 

Erforderliche Stromleitungen für Bayern / Paul Garmer

Paul-Georg Garmer spricht als Senior Manager Public Affairs für TenneT TSO GmbH. Das Unternehmen ist der erste grenzüberschreitende Übertragungsnetzbetreiber und ist in den Niederlanden und im Osten Deutschlands aktiv, wo an 22.000 Kilometer Leitung rund 41 Millionen Endkunden hängen. Das Stromnetz vergleicht er mit einer Autobahn. Was, wenn im dichten Verkehr auch der Standstreifen genutzt würde – oder bei einem Unfall eine Drohne einfach die beteiligten Fahrzeuge packen und entfernen würde?

Alternativen und/oder Ergänzungen zum Leitungsausbau / Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner

Professor Dr. Michael Sterner weiß als ausgebildeter Elektriker „wie Strom sich anfühlt“. Seit fünf Jahren hat er die Professur für Energiespeicher in Regensburg inne und verbindet Fachwissen und gesellschaftliches Engagement: Kriege um Öl und Gas führen zu Destabilisierung, der Klimawandel zur Verödung ganzer Landstriche und dem Beginn einer neuen Völkerwanderung. Gute Gründe, findet Sterner, über ökologische Energieerzeugung und ihre effiziente Verteilung nachzudenken. „Die Wirtschaft ist und bleibt eine 100-prozentige Tochterfirma der Umwelt.“

Sind die geplanten Leitungen erforderlich? / Stefan Lochmüller

Stefan Lochmüller arbeitet in der Unternehmensentwicklung der N-ERGIE Aktiengesellschaft Nürnberg. Der Strategiemanager kennt das Metier in allen Facetten: Er ist gelernter Energiegeräte-Elektroniker, hat dann studiert und ist als Ingenieur 1993 zum Heizkraftwerk Sandreuth gekommen. Angefangen bei der Abgasreinigung hat er alle Bereiche rund um Kraftwerk und Energieerzeugung durchlaufen. Die größte Bremse der Entwicklung neuer Energiekonzepte ist seiner Ansicht, „dass wir versuchen aus dem alten System Besitzstände zu retten, statt in die Zukunft zu denken“.

So viel Netz wie nötig, so wenig wie möglich / Hendrik Zimmermann

Hendrik Zimmermann ist Referent für Energiewende und Geschäftsmodelle (der Energiewirtschaft) bei Germanwatch. Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Bonn und Berlin wurde 1991 gegründet, hat inzwischen 40 Mitarbeiterinnen und engagiert sich für den Fairen Handel, nachhaltige Landwirtschaft, Menschenrechte und Klimapolitik. Dazu gehört es, die Debatte um die Stromnetze mitzugestalten und Transparenz und öffentliche Teilhabe zu fördern. „Netzbetreiber müssten Renditen auch erzielen können, wenn sie einsparen – nicht mit hohen Renditen für den Bau von Netzen belohnt werden.